Freitag, 13. Januar 2012

Störfall. Nachrichten eines Tage (1986) von Christa Wolf: Zusammenfassung und Interpretation

00 Uhr. Heute wird der Bruder der Frau am Hirn operiert. Immer wieder gehen die Gedanken zum Bruder, verfolgen jeden Handlungsschritt der Ärzte. Wird der Bruder diesen Eingriff erfolgreich überstehen? Anrufe der Schwägerin, der Tochter und der Enkeltochter, die sich mit dem Befinden des Kranken befassen, werden geführt. Dazwischen schweifen die Gedanken immer wieder ab. Sie befassen sich mit den lebendbedrohenden Strahlen der Reaktoren und mit den Auswirkungen auf das menschliche Leben.





Aber auch Kinderlieder, Geschichten und immer wieder Erlebnisse kehren in die Erinnerung zurück und beschäftigen ihre Gedanken. Um sich abzulenken, fährt sie mit dem Fahrrad in den Konsum, um Milch zu holen. Das Dorf ist wie ausgestorben. Die wenigen Menschen kennt sie nicht mehr! Auch am Nachmittag fährt sie wieder ziellos mit dem Rad. Tief fliegende Flugzeuge jagen ihr Angst ein. In der Nähe ihres Hauses stehen Menschen, eine Familie.

Sie sind gekommen, um das Haus zu suchen, wo er als Flüchtling 1945 aufgenommen wurde und wo seine kleine Schwester den Typhus nicht überlebte und irgendwo auf dem Anwesen begraben wurde. Aber immer wieder versucht die Frau Erlebtes oder auch Gehörtes abzuwägen und zu ergründen. Das Buch ist nicht leicht zu lesen. Die Gedanken springen und werden nur wenig ausformuliert. Man wird ständig zum tiefgründigen Nachdenken gezwungen und muss um alles zu verstehen oft zweimal lesen. Zusammenfassung Unter den scheinbar banalen Alltagsbeschreibungen der Erzählerin tritt unter der radioaktiven Bestrahlung ein schärferer Text hervor, der durch Verweisungsbezüge auf den ökologischen Diskurs die Unterlassungssünden der offiziellen Informationspolitik hinsichtlich der Gefahren von Kernkraftwerken kritisiert.





Diese Linien wurden aufgrund der Analyse der Erinnerungsfiguren und der Geschichten, die sie aktivieren, in deren jeweiliger Aktualisierung sichtbar. Der erste Teil widmet sich der Schadensermittlung des Reaktorunglücks. In Analogie zu Brechts Erinnerungen an die Marie A. spürt die Erzählerin entlang des Bildes der 'Wolke' die Bedrohung der Lebensgrundlagen und Lebenswelt auf, die die Wolke verursacht und verdeutlicht. Die Radioaktivität läßt jedoch auch die Erinnerungsfiguren nicht unbeschädigt: die semantischen Bezüge oszillieren zwischen der unbeschädigten und der 'vergifteten' Bedeutung, wie die Analyse der Schadenserhebung ergeben hat. Anhand des Märchens von Brüderchen und Schwesterchen sowie der biblischen Geschichte von Kain und Abel stellt sich die Erzählerin der Frage nach der Mitschuld und Mitverantwortung und gelangt so neben dem Aspekt der Aggression in ihr selbst zum Thema der Sprache und der Selbstzensur.





Im Themenkreis um den Faust-Stoff und die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaftler entwirft sie eine Neuerzählung des Stoffes (Aktualisierung der Erinnerungsfigur Faust) als mögliches Gegenbild, das angesichts der drohenden Vernichtung der Erde jedoch keinen echten Halt mehr zu geben vermag. In den Bezügen auf Conrads Herz der Finsternis wird als weiterer Faktor für den Mangel an Verantwortlichkeit die Gier benannt: neben der Neugier auch die Gier nach Geld und Ruhm, die ein Forschen unter Absehung von möglichen Konsequenzen zuläßt. Vor dem Hintergrund dieser Bedrohung und der Möglichkeit des Verlusts der Zukunft kündigt sie jeglichen Gehorsam auf und fordert über die Bezüge auf die für den literarischen ökologischen Diskurs in der DDR zentralen Texte von Cibulka und Kunert/Girnus eine transparente Informationspolitik, insbesondere hinsichtlich der Gefahren der "sogenannten friedlichen Nutzung der Kernenergie". Inhaltsangabe Christa Wolf hat das Buch "Störfall - Nachrichten eines Tages" innerhalb eines nur kurzen Zeitraumes geschrieben. Unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 zwischen Mai-September 1986.



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